Eigentum neu denken

Wie eine Eigentümerstruktur ein neues Wirtschaften ermöglichen könnte.

von Silke Knöbl, April 2020

Mitte Februar 2020 war ich beim Purpose-Abend für Unternehmer*innen im Impact Hub Zürich dabei. Die Gründer von Purpose Ventures stellten eine neue Eigentümerstruktur für Unternehmen vor: das Verantwortungseigentum. Sie sind der Meinung, dass das 21. Jahrhundert eine neue Eigentümerstruktur braucht.

Drei Gründe dafür:

  1. Während der Zweck traditioneller Unternehmen oftmals nur auf Gewinnmaximierung und die Steigerung des Unternehmenswerts abzielt, folgen Firmen in Verantwortungseigentum einem bestimmten Sinn. Die Antwort auf das „Wofür“ eines Unternehmens ist dabei immer individuell; etwa für die Lösung eines gesellschaftlichen, ökologischen oder sozialen Problems.
  2. Viele Unternehmen werden von „externen“ Geschäftsführern geleitet, die sich der Verantwortung entziehen (müssen), wenn die Firma nicht erfolgreich ist. Dasselbe gilt für Investoren, die sich mit dem Unternehmen innerlich gar nicht oder viel zu wenig verbunden fühlen.
  3. Zudem ist beobachtbar, dass in der Vergangenheit kleine inhabergeführte Unternehmen von grossen Konzernen aufgekauft wurden. Die Wirtschaft wird zunehmend zentralisiert; die Vielzahl von kleinen Familienunternehmen wird immer weniger.

„Verantwortungseigentum verankert den Sinn des Unternehmens tief in den Strukturen der Firma und ermöglicht Generationen von treuhänderischen Eigentümern, die Unternehmensidee zu verwirklichen und dabei den Werten des Unternehmens treu zu bleiben.“ Purpose Ventures

Grundsätze des Verantwortungseigentums
Unternehmen in Verantwortungseigentum verpflichten sich den folgenden zwei Prinzipien:

  • Vermögensbindung
    Die erwirtschafteten Gewinne des Unternehmens sind Mittel zum Zweck und kein reiner Selbstzweck; sie werden reinvestiert, zur Deckung der Kapitalkosten verwendet oder gespendet.
  • Selbstbestimmung
    Unternehmen in Verantwortungseigentum bleiben unabhängig. Sie stellen sicher, dass die Stimmrechte bei Menschen liegen, die im Unternehmen tätig sind oder eng mit demselben verbunden sind. Sie übernehmen die Verantwortung für das Handeln, die Werte und das Vermächtnis. Entscheidungen werden nicht von anonymen Anteilseignern getroffen.

Geeignete Rechtsformen
Welche Rechtsform sich am besten für Verantwortungseigentum eignet, ist individuell. Es gilt dabei, die spezifischen Bedürfnisse und die Entwicklung der Firma sowie die Unternehmenskultur zu berücksichtigen. Beispiele von grossen und kleinen Unternehmen bzw. Start-ups, die sich dem Verantwortungseigentum verschrieben haben, sind etwa Carl-Zeiss-Stiftung, Robert Bosch, Einhorn, Sharetribe, Ecosia, Waschbär. In Dänemark wird bereits die Mehrzahl der börsennotierten Unternehmen und Pensionskassen nach dem Prinzip des Verantwortungseigentums geführt.

Eigentümerstruktur in Liechtenstein
Das Fürstentum Liechtenstein wäre mit seinen attraktiven Rahmenbedingungen ein ausgezeichneter Standort für Unternehmen in Verantwortungseigentum. Vorhandene Rechtsformen in Kombination mit Stiftungen im Land könnten dafür verwendet werden. Man darf gespannt sein, was ins Rollen kommt… 🙂

PS: Als Unternehmerin gefällt mir die Idee des Verantwortungseigentums, weil sie meinen Werten und Zielen entspricht. Die Eigentümerstruktur würde im Allgemeinen ein zukunftsfähiges Wirtschaften ermöglichen – verantwortungsvoller, nachhaltiger, solidarischer und gerechter.


Inhaltliche Quellen:
Purpose Ventures e.G.

Rechtsformen in Liechtenstein

Bildquelle:
Pexels 

 

 

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