Mein Gastkommentar im Wirtschaft regional vom 10. Juli 2026.
Ich beobachte immer wieder dasselbe Muster: Menschen werden eingeladen, ihre Meinung zu äussern. Sie bringen Ideen ein, diskutieren engagiert und investieren Zeit. Am Ende werden die Ergebnisse für die Beteiligten zusammengefasst und an jene weitergegeben, die über das weitere Vorgehen entscheiden. Beteiligung wird so zum Sammeln von Meinungen, Stimmungsbildern und Ideen. Das hat seinen Wert und kann je nach Ziel vielleicht auch das Richtige oder zumindest ein Einstieg sein. Entscheidend ist jedoch nicht eine einzelne Veranstaltung, sondern wie der gesamte Prozess gestaltet wird. Jeder Schritt wird bewusst so angelegt, dass der nächste möglich wird.
Gute Beteiligung erkennt man nicht an der Zahl der Dialogveranstaltungen oder der gesammelten Ideen, sondern ob Menschen anfangen, miteinander zu arbeiten. Bevor ein Beteiligungsprozess beginnt, gilt es zu verstehen, was bereits beim Thema wirkt: Erwartungen, Verantwortlichkeiten, Spannungen und Konflikte, historische Zusammenhänge, Entscheidungswege. Daraus ergibt sich, wie Formate und Zusammenarbeit gestaltet werden müssen. Sonst beteiligen sich Menschen nicht oder man redet in Dialogrunden immer wieder über dieselben Themen, statt sie gemeinsam zu gestalten. Ebenso wichtig ist die Frage, ob Menschen das Gefühl bekommen, dass ihr Engagement etwas bewirkt und Teil einer gemeinsamen Lösung wird. Bleibt diese Erfahrung aus, kommen viele beim nächsten Mal nicht mehr.
Wer diese Dynamiken früh erkennt, sie bei der Planung und Umsetzung berücksichtigt, schafft Orientierung über den gesamten Prozess, verhindert falsche Erwartungen, stärkt das Vertrauen und kommuniziert Entscheidungen nachvollziehbar. Insbesondere in Liechtenstein ist dieser Blick wichtig. Das Zusammenspiel der beiden Souveräne, die Nähe zwischen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bevölkerung sowie kurze Wege prägen die Zusammenarbeit im Kleinstaat auf besondere Weise. Es gibt unterschiedliche Rollen, Ränge und Verantwortungen, die unmittelbar aufeinandertreffen. Diese Aspekte bestimmen, ob und wie gemeinsames Gestalten gelingen kann.
«Gute Beteiligung erkennt man nicht an der Zahl der Dialogveranstaltungen oder der gesammelten Ideen, sondern ob Menschen anfangen, miteinander zu arbeiten.»
Beteiligungsprozesse nehmen auch Spannungen ernst. Sie machen unterschiedliche Perspektiven sichtbar und arbeiten bewusst damit. Wer die Welt aus der Sicht des Gegenübers erlebt, begegnet dem Thema und den beteiligten Menschen anders. Ich muss die Sichtweise des Gegenübers zwar nicht teilen, aber ich kann nun besser verstehen, warum sie oder er so denkt. Hier beginnt Veränderung, weil sich die Beziehung zum Gegenüber verändert. Ein guter Beteiligungsprozess schafft dafür die Voraussetzungen, dass Menschen trotz unterschiedlicher Aufgaben, Rollen und Ränge gemeinsam an Lösungen arbeiten können. So entsteht Schritt für Schritt eine Kultur des gemeinsamen Gestaltens.
Angesichts der zahlreichen kontroversen Themen könnte gemeinsames Gestalten zu einer zentralen Qualität in Liechtenstein werden. Was wäre, wenn wir die Eigenheiten des Landes und des Staatsmodells bewusster nutzen, um ausgewählte Themen gemeinsam zu gestalten und Verantwortung von Beginn an gemeinsam zu tragen? Dann würde auch der Ruf nach mehr Mut an Bedeutung verlieren.
Beitrag im Wirtschaft regional:
Gemeinsam statt nebeneinander
Autorin:
Silke Knöbl ist Prozessbegleiterin mit Weiterbildung im systemischen Coaching sowie Kommunikationsspezialistin (auch für Leichte und einfache Sprache). Sie gestaltet Bürgerbeteiligungs- und Kommunikationsprojekte, begleitet Menschen in Veränderungsprozessen und schreibt gerne. Sie befasst sich vor allem mit Selbstwirksamkeit und Transformation. Weitere Blogbeiträge von ihr finden sich in Silky Way – das Impactblog.
Bildquelle:
Roland Korner