Zwischen Ohnmacht und Mitsprache

Mein Gastkommentar im Wirtschaft regional vom 13. Februar 2026.

Debatten verfallen oft zunehmend in ein Schwarz-Weiss-Denken. Vertrauen schwindet, und Menschen ziehen sich zurück: erschöpft vom Umgangston, misstrauisch gegenüber den Motiven der anderen. In dieser Situation taucht ein Begriff immer wieder auf: Bürgerbeteiligung. Mehr Mitsprache soll heilen, was polarisiert. Das klingt plausibel und greift doch zu kurz. Denn Beteiligung ist kein Zauberstab. Sie kann Polarisierung sogar verschärfen. Dennoch bleibt sie unverzichtbar, wenn eine Gesellschaft handlungsfähig bleiben möchte.

Bürgerbeteiligung zieht nicht automatisch «Bürgerinnen und Bürger» an, sondern häufig vor allem jene, die Zeit, Ressourcen und eine starke Meinung haben. Leise Stimmen bleiben meist ungehört, Menschen ohne Staatsbürgerschaft und Menschen mit Behinderungen fühlen sich oft weniger angesprochen. Natürlich werden Entscheidungen nicht automatisch besser, nur weil mehr Menschen mitwirken. Es kommt darauf an, wer, wie und wofür beteiligt wird. Auch Kritiker dürfen nicht ausgeschlossen werden.

Besonders destruktiv wirkt Beteiligung dort, wo sie folgenlos bleibt. Wenn Menschen nicht beteiligt werden, obwohl Entscheidungen ihr Lebensumfeld betreffen, entsteht zunächst Ärger, dann Wut und später ein Gefühl der Ohnmacht. Wenn sie sich einbringen dürfen, Zeit und Vertrauen investieren, die Ergebnisse aber in Schubladen landen oder unklar bleibt, was damit geschieht, wächst dieses Gefühl ebenfalls. Aus Engagement wird Zynismus. Aus Mitgestaltung Rückzug. Beteiligung ohne gemeinsames Aushandeln des Prozesses und ohne Verbindlichkeit für die Ergebnisse bleibt somit wirkungslos.

Was hält uns zusammen?
Gute Beteiligung wird nicht nur an der Umsetzung der Ergebnisse gemessen. Auch Vertrauen ist ein Indikator: Vertrauen in Verfahren, in Institutionen, in die Politik, ins Gegenüber. Wo Vertrauen wächst, wirkt auch Beteiligung.

Gelingende Beteiligung unterstützt die Eigenverantwortung und macht aus politischen Konsumenten selbstwirksame Menschen. Sie berührt auch den sozialen Zusammenhalt. Menschen lernen, (wieder) aufeinander zuzugehen, einander zuzuhören und wertfrei im Dialog zu sein. Sie begegnen Positionen, die fremd oder irritierend sind und üben sich im Aushalten dieser Situation. Man kann die dahinterliegenden Erfahrungen, Ängste, Sorgen und Hoffnungen des Gegenübers besser nachvollziehen, wenn man sich dafür öffnet. Beteiligung wird so zum Übungsraum für Demokratie. Man bleibt nicht nur im Kopf – im Analysieren, Erklären und Diskutieren. Vielmehr ist man auch mit dem Herzen dabei und kann benennen, was einen berührt. Das eröffnet oft ein neues Verständnis für andere Menschen, fördert gegenseitigen Respekt und Beziehungsfähigkeit.

Das Sowohl-als-auch wagen
In partizipativen Formaten verbinden sich Fachwissen, Alltagserfahrung, Führung und Mitsprache. Regelmässige Beteiligung ersetzt weder Politik noch Institutionen. Sie kann sie jedoch sinnvoll unterstützen.Das Staatsmodell Liechtensteins ist einzigartig. Darauf lässt sich Beteiligung und ein gemeinsames Gestalten aufbauen, das auch als Vorbild für andere Staaten dienen kann. Was könnte für ein kleines, eigenständiges Land kraftvoller sein, als Einwohnerinnen und Einwohner sowie Institutionen physisch und digital zusammenzubringen, um ausgewählte Themen gemeinsam, pragmatisch und kostenbewusst zu gestalten, dabei regelmässig Selbstwirksamkeit zu erfahren und Verantwortung zu übernehmen – sowohl für sich selbst als auch für das Gemeinwohl?

Beitrag im Wirtschaft regional:
Zwischen Ohnmacht und Mitsprache


Autorin:
Silke Knöbl ist Prozessbegleiterin mit Weiterbildung im systemischen Coaching sowie Kommunikationsspezialistin (auch für Leichte und einfache Sprache). Sie begleitet Menschen in Veränderungsprozessen und befasst sich vor allem mit Selbstwirksamkeit, (Bürger-)Beteiligung und Transformation. Weitere Blogbeiträge von ihr finden sich in Silky Way – das Impactblog.

Bildquelle:
Roland Korner

zur Übersicht